Rückblick

Wenn die große Welt ins kleine Dorf kommt

Sommerschulen für die Ferienzeit gibt es viele – doch ein Elite-Projekt ausgerechnet im ostdeutschen Nirgendwo sticht hervor

Süddeutsche Zeitung SCHULE UND HOCHSCHULE
Dienstag, 16. August 2011
Von Florian Fuchs

Eine Portion Brot und Käse hat am Tag zuvor noch 50 Cent gekostet, das muss sich
ändern. Im alten Speicher, zwischen schweren Holzbalken, nimmt Schulleiter Reiner
Möckelmann seine Lehrbeauftragte Jane Sokolosky deshalb kurz zur Seite und sagt:
„30 Cent reichen auch, wir sind ja kein Gewinnbetrieb." Sokolosky schaut ein wenig
irritiert, sie hat keine Ahnung, welche Preise hier auf dem Land angemessen sind.
Aber sie wird das natürlich sofort ändern. „Brot und Cheese", wie sie sagt, kosten von
nun an nur noch 30 Cent.
Manchmal sind es noch Welten, die aufeinandertreffen hier in der Sommerschule
Wust, immer jedoch sind es unterschiedliche Kulturen. Aber darum geht es
schließlich auch: Sokolosky kommt von der Brown University, sie gehört zur Ivy League,
dem Verbund der besten Unis im Nordosten der USA. Die anderen Dozenten
sind aus Cornell angereist, aus Oxford und aus Cambridge. Sie alle fahren ins ostdeutsche
Nirgendwo, in einen Ort mit 500 Einwohnern in der östlichen Altmark Sachsen-Anhalts,
um Englisch zu unterrichten. Für vier Wochen bringen sie die große
Welt in das kleine Dorf, und dazu ein für diese Region einzigartiges Kulturprogramm.
Kurz nach der Wende, als das ungewöhnliche Schulprojekt in Wust startete,
hatte der Ort noch so gut wie keine Infrastruktur. Die Telefonzellen funktionierten
nicht, beim nächsten Bahnhof im Nachbarort Genthin gab es nicht einmal einen
Bahnsteig. Heute hat Wust einen Tante-Emma-Laden, und der Gasthof Schwarzer
Adler macht immerhin die Sommermonate über auf. Damit stehen sie hier besser da
als in den Nachbarorten. Zentrum des Dorfes für vier Wochen im Juli und August
aber ist das alte Gut des Adelsgeschlechts von Katte: Gleich am Ortseingang stehen
rechts die romanische Kirche und links das Herrenhaus mit den Seitenflügeln und
dem alten, backsteinfarbenen Kornspeicher, in dem die Kulturveranstaltungen der
Sommerschule stattfinden. Maria von Katte war gleich nach der Wende in das Land
ihrer Vorfahren gereist. Bald setzte sie sich in den Kopf, mitten in der zusammengebrochenen
DDR einen Ort der internationalen Begegnung zu schaffen. Im Westen
aufgewachsen, in Oxford studiert, wollte sie helfen, Vorurteile vor dem ehemaligen
Klassenfeind abzubauen. „Und wir in Wust freuten uns", erinnert sich Ina Leutloff,
„dass aufgeschlossene Dozenten aus den USA und England kamen."
Für Leutloff war es ein Segen, dass die Sommerschule 1990 startete: Die Lehrer
der DDR waren ja vor allem in Russisch geschult. Jetzt war auf einmal Englisch
angesagt, und so buchte auch Leutloff einen Kurs in der neuen Sommerschule. Sie
war nicht nur begierig, die Sprache besser zu lernen, sie war auch neugierig, wer da
kommt: Von Katte hatte Kontakte in die USA, es reisten schon damals Dozenten von
berühmten Universitäten an.
Und dann standen sie sich auf einmal gegenüber, die Wessis und die Ossis –
und kamen gut miteinander aus. Im Ort waren schon ein paar Leute skeptisch gewesen,
aber viele waren bereit, die Gäste bei sich aufzunehmen. Da entwickelte sich
das, was Reiner Möckelmann den „Spirit of Wust" nennt: ein behaglicher Ort zum Lernen und Sich-Kennenlernen. Der Aspekt der Verständigung steht heute nicht
mehr so im Vordergrund. Die Wiedervereinigung ist zwei Jahrzehnte her: Wer nach
England will, ist längst einmal hingeflogen. Es ist eher das kulturelle Angebot und
natürlich das Englisch, das die Schüler reizt. Wann hat man hier, mitten in der Provinz,
schon Gelegenheit, sich mit Muttersprachlern zu unterhalten. Und wann, vor
allem, mit Leuten aus Oxford über Shakespeare zu debattieren – oder Theater zu
spielen unter Anleitung eines New Yorker Regisseurs.
Szene eines Stücks von Anton Tschechow: Auch Theaterkurse bietet die Sommerschule an – der
Regisseur reist aus New York an. Foto:Arthur Shettle/oh
Arthur Shettle führt nun schon zum zehnten Mal Regie in Wust. Ihm geht es
ähnlich wie anderen Dozenten, die immer wieder kommen, weil sie den kleinen
Ort liebgewonnen haben oder weil sie ihre Deutschkenntnisse auffrischen wollen.
Theater spielen sie hier immer in der Baracke neben dem Fußballplatz von Traktor
Wust, da, wo für die Tage der Sommerschule die Schüler ihre Zelte aufschlagen, die
keinen Platz mehr in Gastfamilien erhielten. Shettle war 1992 erstmals hier, als Student
von Harvard; weil es ihn reizte, einmal ein Theaterstück zweisprachig einzustudieren
– halb Englisch, halb Deutsch. „Es hat mich außerdem auch einfach interessiert,
wie es in Ostdeutschland aussieht", sagt er, „da hatte man ja lange keine
Chance hinzukommen." Heute macht es ihm immer noch Spaß, mit Laien zu arbeiten,
mit kleinem Budget, unter Zeitdruck. Dieses Jahr hat er Der Kirschgarten von
Anton Tschechow ausgesucht. Das in vier Wochen einzuproben, ist sportlich. Ein
bisschen Spaß und Sommerurlaub auf dem Land aber ist es auch, keine Frage.
Überhaupt ist nur der Englischunterricht am Vormittag verpflichtend. Drei
Einheiten, je 45 Minuten, mit altersgerechten Konzepte: Die Kleinen, die unter
Zehnjährigen, spielen im Vorhof des Herrenhauses eine Art Blinde Kuh auf Englisch;
die Zehn- bis 15-Jährigen schreiben in einem der Klassenräume, was sie im vergangenen
Urlaub gemacht haben; und die Erwachsenen lernen auf höherem Niveau.
Nachmittags dann lesen die einen im Literaturkurs Shakespeare, während die anderen
im Debattierclub die Risiken von Facebook diskutieren. Ein Chorleiter aus Texas führt den Musikkurs und probt für ein Abschlusskonzert, einen Kammermusikkurs
gibt es auch. Weil das Kulturprogramm aber freiwillig ist, sitzenum14 Uhr am Zeltgelände
neben dem Fußballfeld schon ein paar Jugendliche auf Campingstühlen und
genehmigen sich ein Bier – sie gönnen sich mal eine Pause. Abends wird auch gefeiert,
gerne am Lagerfeuer. „Zu wenig Schlaf", sagt der Schulleiter, „ist hier das einzige
Defizit für viele." Ansonsten hat die Sommerschule an Bildung eigentlich alles, was sie sonst
auf dem Land eher selten haben. Sogar der Schulleiter ist nicht irgendein Rektor.
Möckelmann war bis vor ein paar Jahren noch Deutscher Generalkonsul in Istanbul,
lebte schon in Moskau, in Lima, in Belgrad und in Wien. Jetzt wohnt er in Berlin, und
für den Sommer fährt er Jahr für Jahr aufs Land nach Wust. „Weil es Spaß macht",
sagt er. „Und weil man interessante Leute kennenlernt."