Sommerschule Wust
 


Referenzen


Wenn die große Welt ins kleine Dorf kommt
Sommerschulen für die Ferienzeit gibt es viele – doch ein Elite-Projekt ausgerechnet im ostdeut-schen Nirgendwo sticht hervor

Süddeutsche Zeitung SCHULE UND HOCHSCHULE
Dienstag, 16. August 2011 Von Florian Fuchs

Eine Portion Brot und Käse hat am Tag zuvor noch 50 Cent gekostet, das muss sich ändern. Im alten Speicher, zwischen schweren Holzbalken, nimmt Schulleiter Reiner Möckelmann seine Lehrbeauftragte Jane Sokolosky deshalb kurz zur Seite und sagt: „30 Cent reichen auch, wir sind ja kein Gewinnbetrieb.“ Sokolosky schaut ein wenig irritiert, sie hat keine Ahnung, welche Preise hier auf dem Land angemessen sind.
Aber sie wird das natürlich sofort ändern. „Brot und Cheese“, wie sie sagt, kosten von nun an nur noch 30 Cent.

Manchmal sind es noch Welten, die aufeinandertreffen hier in der Sommer-schule Wust, immer jedoch sind es unterschiedliche Kulturen. Aber darum geht es schließlich auch: Sokolosky kommt von der Brown University, sie gehört zur Ivy Lea-gue, dem Verbund der besten Unis im Nordosten der USA. Die anderen Dozenten sind aus Cornell angereist, aus Oxford und aus Cambridge. Sie alle fahren ins ost-deutsche Nirgendwo, in einen Ort mit 500 Einwohnern in der östlichen Altmark Sach-sen-Anhalts, um Englisch zu unterrichten. Für vier Wochen bringen sie die große Welt in das kleine Dorf, und dazu ein für diese Region einzigartiges Kulturprogramm.

Kurz nach der Wende, als das ungewöhnliche Schulprojekt in Wust startete, hatte der Ort noch so gut wie keine Infrastruktur. Die Telefonzellen funktionierten nicht, beim nächsten Bahnhof im Nachbarort Genthin gab es nicht einmal einen Bahnsteig. Heute hat Wust einen Tante-Emma-Laden, und der Gasthof Schwarzer Adler macht immerhin die Sommermonate über auf. Damit stehen sie hier besser da als in den Nachbarorten. Zentrum des Dorfes für vier Wochen im Juli und August aber ist das alte Gut des Adelsgeschlechts von Katte: Gleich am Ortseingang stehen rechts die romanische Kirche und links das Herrenhaus mit den Seitenflügeln und dem alten, backsteinfarbenen Kornspeicher, in dem die Kulturveranstaltungen der Sommerschule stattfinden. Maria von Katte war gleich nach der Wende in das Land ihrer Vorfahren gereist. Bald setzte sie sich in den Kopf, mitten in der zusammengeb-rochenen DDR einen Ort der internationalen Begegnung zu schaffen. Im Westen aufgewachsen, in Oxford studiert, wollte sie helfen, Vorurteile vor dem ehemaligen Klassenfeind abzubauen. „Und wir in Wust freuten uns“, erinnert sich Ina Leutloff, „dass aufgeschlossene Dozenten aus den USA und England kamen.“

Für Leutloff war es ein Segen, dass die Sommerschule 1990 startete: Die Leh-rer der DDR waren ja vor allem in Russisch geschult. Jetzt war auf einmal Englisch angesagt, und so buchte auch Leutloff einen Kurs in der neuen Sommerschule. Sie war nicht nur begierig, die Sprache besser zu lernen, sie war auch neugierig, wer da kommt: Von Katte hatte Kontakte in die USA, es reisten schon damals Dozenten von berühmten Universitäten an.

Und dann standen sie sich auf einmal gegenüber, die Wessis und die Ossis – und kamen gut miteinander aus. Im Ort waren schon ein paar Leute skeptisch gewe-sen, aber viele waren bereit, die Gäste bei sich aufzunehmen. Da entwickelte sich das, was Reiner Möckelmann den „Spirit of Wust“ nennt: ein behaglicher Ort zum Lernen und Sich-Kennenlernen. Der Aspekt der Verständigung steht heute nicht mehr so im Vordergrund. Die Wiedervereinigung ist zwei Jahrzehnte her: Wer nach England will, ist längst einmal hingeflogen. Es ist eher das kulturelle Angebot und natürlich das Englisch, das die Schüler reizt. Wann hat man hier, mitten in der Pro-vinz, schon Gelegenheit, sich mit Muttersprachlern zu unterhalten. Und wann, vor allem, mit Leuten aus Oxford über Shakespeare zu debattieren – oder Theater zu spielen unter Anleitung eines New Yorker Regisseurs.

Szene eines Stücks von Anton Tschechow: Auch Theaterkurse bietet die Sommerschule an – der Regisseur reist aus New York an. Foto:Arthur Shettle/oh

Arthur Shettle führt nun schon zum zehnten Mal Regie in Wust. Ihm geht es ähnlich wie anderen Dozenten, die immer wieder kommen, weil sie den kleinen Ort liebgewonnen haben oder weil sie ihre Deutschkenntnisse auffrischen wollen. Theater spielen sie hier immer in der Baracke neben dem Fußballplatz von Traktor Wust, da, wo für die Tage der Sommerschule die Schüler ihre Zelte aufschlagen, die keinen Platz mehr in Gastfamilien erhielten. Shettle war 1992 erstmals hier, als Stu-dent von Harvard; weil es ihn reizte, einmal ein Theaterstück zweisprachig einzustu-dieren – halb Englisch, halb Deutsch. „Es hat mich außerdem auch einfach interes-siert, wie es in Ostdeutschland aussieht“, sagt er, „da hatte man ja lange keine Chance hinzukommen.“ Heute macht es ihm immer noch Spaß, mit Laien zu arbei-ten, mit kleinem Budget, unter Zeitdruck. Dieses Jahr hat er Der Kirschgarten von Anton Tschechow ausgesucht. Das in vier Wochen einzuproben, ist sportlich. Ein bisschen Spaß und Sommerurlaub auf dem Land aber ist es auch, keine Frage.

Überhaupt ist nur der Englischunterricht am Vormittag verpflichtend. Drei Einheiten, je 45 Minuten, mit altersgerechten Konzepte: Die Kleinen, die unter Zehnjährigen, spielen im Vorhof des Herrenhauses eine Art Blinde Kuh auf Englisch; die Zehn- bis 15-Jährigen schreiben in einem der Klassenräume, was sie im vergan-genen Urlaub gemacht haben; und die Erwachsenen lernen auf höherem Niveau. Nachmittags dann lesen die einen im Literaturkurs Shakespeare, während die ande-ren im Debattierclub die Risiken von Facebook diskutieren. Ein Chorleiter aus Texas führt den Musikkurs und probt für ein Abschlusskonzert, einen Kammermusikkurs gibt es auch. Weil das Kulturprogramm aber freiwillig ist, sitzenum14 Uhr am Zeltge-lände neben dem Fußballfeld schon ein paar Jugendliche auf Campingstühlen und genehmigen sich ein Bier – sie gönnen sich mal eine Pause. Abends wird auch ge-feiert, gerne am Lagerfeuer. „Zu wenig Schlaf“, sagt der Schulleiter, „ist hier das ein-zige Defizit für viele.“

Ansonsten hat die Sommerschule an Bildung eigentlich alles, was sie sonst auf dem Land eher selten haben. Sogar der Schulleiter ist nicht irgendein Rektor. Möckelmann war bis vor ein paar Jahren noch Deutscher Generalkonsul in Istanbul, lebte schon in Moskau, in Lima, in Belgrad und in Wien. Jetzt wohnt er in Berlin, und für den Sommer fährt er Jahr für Jahr aufs Land nach Wust. „Weil es Spaß macht“, sagt er. „Und weil man interessante Leute kennenlernt.“


31. WOCHE 2010/BAUERNZEITUNG VOR ORT
Reportage

Ein Dorf wird zur Schule
Von Christine Schindler

Originalartikel mit Bildern

Im sachsenanhaltinischen Wust findet seit 20 Jahren in den Ferien eine Sommerschule für englische Sprache, Literatur, Theater und Musik statt. Nicht nur die Schüler und Dozenten, sondern auch die gastfreundlichen Einwohner freuen sich immer auf die vier unterhaltsamen Wochen.

Hinter jedem zweiten Strauch im Park von Wust pfeift und dudelt es. Und mitten auf einer großen Wiese übt ganz allein mit ihrem Notenständer und dem Instrument eine Flötistin. Es sind sehr komplizierte Klangverbindungen, die der Wind bis ins Dorf trägt. In einem Pavillon schlägt Luisa mit ihrem Fagott Übungstöne an. Die klingen so aus dem Zusammenhang gerissen nicht unbedingt schön. „Manchmal haben da die Anwohner schon ein paar Bemer-kungen gemacht, wenn wir abends gar kein Ende gefunden haben“, berichtet die Schülerin des Musikgymnasiums Halle. Doch die waren eher freundlich gemeint. So in der Art: Macht doch auch mal Ferien! Aber einfach nur auf dem Zeltplatz in der Hängematte zu liegen, kam für die Musiker aus dem Kammermusikkurs in der Sommerschule Wust absolut nicht infrage. Sie wollten üben. Und zum Abschlusskonzert haben dann die jungen Künstler mit ihren vir-tuos aufeinander abgestimmten Tönen auch die Dorfbewohner wieder vollends für Flöten-, Fagott- und Oboenklänge begeistert.

Überhaupt war das mit dem Hinweis auf die Feierabendruhe nicht so ganz ernst gemeint. Schließlich herrscht in diesem 400-Leute-Dorf im Kreis Stendal seit 20 Jahren immer im Juli Ausnahmezustand, wenn in zwei Durchgängen die „Sommerschule“ stattfindet. Dann ist hier mächtig was los. „Darauf freuen wir uns das ganze Jahr“, so der Landwirt und Bürgermeister im Ruhestand, Klaus Henke. Jeweils rund 150 Schüler lernen in den beiden zweiwöchigen Durchgängen in ihren Ferien oder im Urlaub Tag für Tag am Vormittag Englisch. Freiwillig. Auf eigenen Wunsch. Die Jüngsten sind zehn oder elf. Nach oben gibt es keine Grenzen. Die Schüler kommen aus Wust oder den umliegenden Dörfern, aus Magdeburg oder dem Harz, aus Brandenburg oder noch weiter her. Aus den ersten Schülern sind teils schon Großeltern geworden, deren Enkel nun hier lernen. Über Verwandte oder Freunde, durch Zeitungsbeiträge oder das Internet hat sich deutschlandweit und bis nach Holland oder Ita-lien herumgesprochen, dass in diesem Dorf mit viele Spaß die Sprachkenntnisse verbessert werden können, dass am Nachmittag Kunstkurse und Sportveranstaltungen angeboten wer-den und dass in dieser Zeit wirklich an jedem Abend bei Konzerten, Theaterstücken, Lesun-gen oder Vorträgen das konsumiert werden kann, was die Sommerschüler einstudiert und vorbereitet haben. Außerdem werden Gäste eingeladen: in diesem Jahr die Auch „ältere Semester“ können hier ihr Englisch auffrischen. Landrat Jörg Hellmuth war vor Jahren einer der ersten Schüler, ebenso Ina Leutloff. Es folgten die eigenen Kinder, deren Freunde und Verwandte. Die Häuser in Wust sind „ausgebucht“. Musik und Kunst begeistern gleichfalls. Ingeborg Jeutter aus Stuttgart probierte sich mit Acrylfarben. Der Wuster Hilmar Kerst hat sich wie viele vom Sommerschul-Virus anstecken lassen. Er braucht Englisch für seinen Job und lernt hier viel. Am Nachmittag gibt‘s für die Jugend Sport.

Schriftsteller Ingo Schulze oder Juli Zeh zu Lesungen, die Belle Star Band aus Edinburgh zu Konzerten und Tanzworkshops. Es gab virtuose Barockmusik in der Wuster Dorfkirche, mul-timediale Fotoreisen, Vorträge über große Geister und Namen. Beispielweise über Marlene Dietrich. Den hielt der Stendaler Landrat Jörg Hellmuth. Er wohnt in Wust, war hier Landwirt und vor 20 Jahren Bürgermeister und Mitbegründer des Sommerschulvereins, dessen 2. Vorsitzender er heute ist. „Wo wird einem auf dem Lande so ein Programm geboten“, schwärmt Karin Gruchenberg. Seit zehn Jahren ist die Angestellte, die drei Dörfer weiter wohnt, in ihrem Jahresurlaub begeisterte Sommerschülerin. Hier trimmt sie ihren Sprachengeist, und niemand stößt sich daran, wenn die Betonung mal falsch war oder eine Vokabel fehlte. Hier kann sie sich fachkundig angeleitet künstlerisch ausprobieren: Malen, Töpfern, Gestalten. Hier ist sie mit gleichgesinnten Gleichaltrigen aber auch mit vielen jungen Leuten zusammen. Und in Vorträgen oder durch die jungen Dozenten wird ihr die weite Welt nahe gebracht.

Lehrkräfte für die Englischkurse sind meist hoch motivierte Gemanistikstudenten aus Groß-britanien und den USA, die nicht nur ihre Sprache vermitteln, sondern selbst besser Deutsch lernen wollen. Die älteren, vor allem aber die jüngeren Schüler schwärmen von deren locke-ren Art zu unterrichten. Es wird gesungen, es werden Witze erzählt, man soll viel sprechen. In Gruppen von 10 bis 15 Schülern gelingt das. „Es ist eben etwas anderes, wenn Mutters-prachler ihre Sprache vermitteln“, finden sogar die deutschen Englischlehrerinnen, die zwecks Weiterbildung mit in den Klassen sitzen. Jeder wird nach seinen Vorkenntnissen unterrichtet.

Und wenn den kleineren Jungs am Nachmittag nicht unbedingt der Sinn nach künstlerischen Arbeiten steht, können sie sich auf dem Wuster Sportplatz, wo auch das Sommerschulzeltla-ger eingerichtet wurde, bei Volleyball oder Fußball austoben. „Als es so heiß war, sind wir baden gefahren“, berichtet Christian Kluge, Bundeswehroffizier a. D., der seit Jahren während der Sommerschulzeit darauf achtet, dass in den Zelten nach 22 Uhr einigermaßen Ru-he herrscht, dass sich die Kids an die Regeln halten, dass die Schüchternen mit einbezogen werden und jeder seinen Spaß hat. „Auch die Kinder aus dem Dorf können bei unserem Turnier mitmachen“, versichert der Mann. Und die nutzten natürlich die Gelegenheit.

„Wir wollen alle irgendwie teilhaben“, sagen viele Wuster und bieten als Gastfamilien den 20 Dozenten und so manchem älteren „Schüler“ Quartier. In dem einen Jahr, als es mal nicht so viele Anmeldungen gab, war es schwierig, die Gäste gerecht zu verteilen. Denn wer nieman-den abbekam, war unzufrieden, bringen doch die Leute aus der Ferne Leben ins Haus, es wird gegrillt und geredet und so ein Hauch Amerika auf den Hof gebracht. „Die Wuster sind sehr gastfreundlich“, bemerkt der pensionierte Generalkonsul Reiner Möckelmann, der seit vier Jahren den Sommerschulverein leitet, zufrieden. So mancher Teilnehmer findet bei Ver-wandten Quartier. Drei Nichten, 11 bis 13 Jahre alt, und zwei Dozenten aus Texas beherbergte die Familie Leutloff in diesem Juli. Natürlich kommen auch die fernab studierenden Töchter zur Sommerschulzeit nach Hause – schließlich haben sie daran nur beste Erinnerungen. Inzwischen sind sie sogar längst bei Sommerschuldozenten aus den USA zu Gast gewesen.

Und in diesem Jahr, wo das 20-jährige Jubiläum gefeiert wird, kommen natürlich auch wieder viele „Ehemalige“ nach Wust. „Unser Haus ist rappelvoll“, berichtet die Russischlehrerin Ina Leutloff, die nach der Wende in ihrem Heimatort ihre Englischkenntnisse auffrischen konnte. „Wenn der Platz im Haus nicht reicht, wird eben im Garten ein Zelt aufgestellt.“ Auch in an-deren Bauernhofgärten zelten Sommerschüler. Nicht jeder mag das „frohe Jugendleben“ auf dem Zeltplatz, außerdem haben sich zwischen Schülern und Gastfamilien längst Freund-schaften entwickelt. Da freut man sich aufeinander.

Inzwischen ist wieder Ruhe im Dorf eingekehrt. Nicht aber im Büro des Vereins. Nach der Schule ist vor der Schule. Schulleiter Reiner Möckelmann macht sich nun an eine Dokumen-tation der beiden Kursdurchgänge, und dann sind bereits die Fäden für die kommende Schulsaison zu knüpfen. Termine mit Referenten und Künstlern sind zu machen, Dozenten einzuladen, Sponsoren und fleißige Helfer bei der Stange zu halten. „Nie hätte ich gedacht, dass ich in meinem Ruhestand so gefordert werde“, bekennt der ehemalige Diplomat, der über sein Interesse für Preußen mit Maria von Katte bekannt wurde, die die Sommerschule gegründet und bis 2006 geleitet hatte.„Diese Begeisterung im Dorf und unter den Schülern und diese künstlerische Vielfalt, die sich hier zu meiner Verblüffung auftat, hat es mir leicht gemacht, mich derart einzubringen.“ „Alle staunen, was wir hier zu bieten haben“, freut sich bei solchen Aussagen der Wuster Jörg Hellmut.

GESCHICHTLICHES

Wust rückte ins Blickfeld europäischer Geschichte, als 1730 der aus dem Dorf stammende Jugendfreund Friedrichs II., Hans Hermann von Katte, dem Kronprinzen zur Flucht vor der väterlichen Tyrannei verhelfen wollte und deshalb auf Urteilsspruch des Königs Friedrich Wilhelm I. am 6. November 1730 in Küstrin hingerichtet wurde. Seine Gebeine ruhen in der 1706/07 errichteten Kattegruft, die sich unmittelbar der romanischen Dorfkirche anschließt. Theodor Fontane hat Wust ob dieser lokalen Besonderheit besucht und in seinen Wande-rungen durch die Mark Brandenburg verewigt.

KOMMUNALES

Bis zum 31. Dezember 2009 war Wust im Kreis Stendal eine selbstständige Gemeinde mit den zugehörigen Ortsteilen Briest, Melkow und Sydow sowie den Wohnplätzen Wust Sied-lung und Wusterdamm. 2009 beschlossen die Gemeinderäte von Fischbeck und Wust, sich zur neuen Gemeinde Wust-Fischbeck zusammenzuschließen. Diese besteht nun seit dem1. Januar 2010. Hier leben rund 1 500 Menschen.

SCHULISCHES

Die 1991 ins Leben gerufene Sommerschule ist ein eingetragener Verein. Leiter ist Reiner Möckelmann, Schirmherr Prof. Dr. Bernhard Schlink, Autor des Buches „Der Vorleser“. Des-sen Filmversion erhielt 2009 einen Oscar für die beste Hauptdarstellerin, Kate Winslet. Förderer der Sommerschule sind das Land Sachsen-Anhalt, der Landkreis Stendal, die Kreissparkasse Stendal, die Gemeinde Wust-Fischbeck und das Collegium Novum.
Auch 2011 wird es wieder zwei Sommerschuldurchgänge geben: vom 11. bis 22. Juli und vom 25. Juli bis 6. August. www.sommerschulewust.de, Tel. (03 93 23) 7 56 56.




Lernen in den Ferien - English Summer School in Sachsen-Anhalt

ENGLISCH FÜR OSTDEUTSCHE

Aus "spiegel.de" vom 20.07.2009

Weiterbildung made in Wust

Als Oxford-Absolventin Maria von Katte nach dem Mauerfall den deutschen Osten bereist, erkannte sie den Mangel: Die Menschen können kaum Englisch. Also lockt sie Muttersprachler in ein Dorf und erfand die Wuster Sommerschule - Lovestorys inklusive. Die Zelte am Sportplatz von Wust in Sachsen-Anhalt verraten: Es ist wieder Sommerschule. 90 von gut 100 Lernwilligen haben dort Quartier bezogen, pauken am Vormittag drei Stunden Englisch, und am Nachmittag zeichnen oder töpfern sie, informieren sich über US-amerikanische Politik unter Obama oder spielen Theater.

SOMMERSCHULE: EIN DORF LERNT ENGLISCH

Am Abend treffen sie sich mit den Dorfbewohnern in der Kirche zum Konzert, hören Vorträge über Gott und die Welt, und danach sitzen sie bis in die Nacht am Sportplatz zusammen. Für die Wuster ist die Sommerschule der Höhepunkt des Jahres. Die Einwohner des 550-Seelen-Dorfs im Elbe-Havel-Land stellen Quartier und freuen sich auf das Kulturprogramm.

Anfängliche Berührungsangst ist kollektiver Begeisterung gewichen. "In diesem Jahr hat sich eine Dame sogar beschwert, dass sie keinen Gast abbekommen hat", gesteht Reiner Möckelmann. Der Generalkonsul a. D. steht dem Verein vor, der die Sommerschule organisiert. "Es ist einmalig", beschreibt Möckelmann. "Nirgendwo sonst lernt man in den Ferien Englisch in kleinen Gruppen bei Muttersprachlern und hat nebenbei ein so umfangreiches Kulturprogramm."

Englisch unterm Apfelbaum

Angefangen hat es 1990. Damals besuchte die Wolfenbüttelerin Maria von Katte nach dem Mauerfall das Land ihrer Vorfahren, den Kattenwinkel. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Herzog-August-Bibliothek sah hier, wo bis Dato Russisch als erste Fremdsprache auf dem Stundenplan stand, Nachholbedarf in Sachen Englisch. Selbst ostdeutsche Englischlehrer kannten die Sprache nur aus Büchern. Maria von Katte, die in Oxford studiert hatte, kam eine Idee: Man könnte doch gemeinsam mit englischen und amerikanischen Freunden unterm Apfelbaum plaudern und dabei ostdeutschen Schülern Englisch beibringen.

Die Idee wurde begeistert aufgenommen, und Maria von Katte versprach, einen Studenten aus England anzuheuern. Doch plötzlich meldeten auch 80 Englischlehrer Bedarf an, im Sommer die Schulbank zu drücken. Als 1991 die erste Sommerschule stattfand, agierten Germanistikstudenten aus Großbritannien und den USA als Dozenten.

Die Schüler kommen aus ganz Deutschland und manche sogar aus dem Ausland. Die meisten kommen immer wieder, einige schicken ihre Kinder und gar schon Enkel. Während anfangs vom Zehnjährigen bis zur Rentnerin alle Altersstufen gleichermaßen vertreten waren, büffeln heute meistens Studenten oder Schüler in Wust.

Die Sommerschule ist auch Partnerbörse

Oder Englischlehrer wie Karin Mechow. Sie hat seit 1991 kaum eine Sommerschule verpasst. Die 56-Jährige aus Iden bei Stendal nahm damals Unterricht für Anfänger. "Für mich war es die erste Möglichkeit, mal mit Amerikanern und Engländern in Kontakt zu treten und außerdem Englisch zu lernen", erinnert sie sich. Sie studierte später Englisch und unterrichtet die Sprache heute selbst.

"Das Besondere an Wust ist die Gemeinsamkeit", schwärmt sie. Manche Leute treffe sie immer wieder, wie ihre Lehrerkollegin Andrea Meyer aus Berlin. "Wir sehen uns nur in Wust, aber dann ist es, als sei kein Tag vergangen." Jetzt zaubert sie gemeinsam mit Karin Gruchenberg im Kunst-Workshop ein Stillleben aufs Papier. Die Verwaltungsangestellte aus Brettin ist über ihre Tochter Saskia auf Wust gestoßen. Der hatte die Englischlehrerin vor elf Jahren empfohlen, sich doch mal in Wust anzumelden.

"Auf der Rückfahrt switchte sie dann immer zwischen Englisch und Deutsch und hat das gar nicht gemerkt", erzählt Karin Gruchenberg. "Da habe ich gedacht, das muss ja toll gewesen sein." Im Jahr drauf fuhr die ganze Familie und ist seither in wechselnder Besetzung immer in Wust. "Es ist die Mischung aus Unterricht, Workshops und Kultur, was Wust ausmacht", sagt die 53-Jährige. Und dass man sich schnell näher kommt. "Mein Sohn hat hier seine Freundin kennengelernt. Sie war in meiner Gruppe."

"Alles ist in Wust. Alles außer Schlaf"

Das private Glück hat auch Cora Lee Kluge in Wust gefunden. Für sie ist Wust gar der Mittelpunkt der Welt. Die Germanistikprofessorin aus Madison im US-Staat Wisconsin ist seit 1997, seit sie von Maria von Katte gebeten wurde, Chefdozentin in Wust. Sie bringt jedes Jahr Studenten mit, die als Dozenten agieren und nachmittags die Workshops durchführen.

In Wust traf Cora Lee den pensionierten Bundeswehroffizier Ernst-Christian Kluge, der die Logistik der Sommerschule schmeißt, die Kasse verwaltet und für Sicherheit sorgt. Längst sind beide verheiratet. "Wir wären uns sonst nie begegnet", sagt die Professorin und fügt hinzu: "Alles ist in Wust. Alles außer Schlaf." Wenn sie nach dem Sommer dann wieder an die Universität in Madison zurückkehre, sage sie sich immer, dort sei die Arbeit doch gar nicht so schlimm. Wust sei zwar Urlaub, aber sehr intensiv. "Man kann in 52 Wochen viel bewegen", sagt sie. "Aber die Tage in Wust, die bleiben in Erinnerung."

Die Engländerin Jess Nye ist eine der 17 Dozentinnen. Sie lehrt im dritten Jahr ihre Muttersprache und wird in Magdeburg bleiben. Dort studiert ihr zukünftiger Mann, den sie natürlich in Wust kennengelernt hat.

Jess erzählt ihre Erlebnisse in der Sommerschule in einem Internet-Tagebuch. "Es gibt so viele ehemalige Schüler und Studenten, die nicht hier sein können", sagt sie. "Sie wollen aber wissen, was los ist." Einmal Wust, immer Wust. Wer infiziert wurde, kommt nur schwer wieder los. "Wir sind Wustis", sagt die Germanistin, die vor drei Wochen in Cambridge ihren Abschluss gemacht hat. "Und natürlich werden wir auch in Wust heiraten."

Von Annette Schneider-Solis, AP


9. Oktober 2007, Neue Zürcher Zeitung

The Spirit of Wust

Eine ungewöhnliche Englisch-Sommerschule in Sachsen-Anhalt

Der Elbhavelwinkel ist eine verwunschene Ecke aus Kiefern- und Birkenwäldern, Barockkirchen, Storchennestern und stillen Dörfern. Bis ins 19. Jahrhundert nannte man diese Gegend «Kattewinkel». Die Ländereien gehörten dem Adelsgeschlecht derer von Katte, deren berühmtester Spross heute noch im Sarkophag in der Familiengruft in Wust liegt: Hans-Herrmann von Katte wurde 1731 enthauptet, weil er dem Kronprinzen Friedrich zur Flucht verhelfen wollte.

Als Maria von Katte nach der Wende die Gegend ihrer Herkunft besuchte, wurde sie nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Sie war 1941 in Zolchow geboren worden, einem Nachbardorf von Wust, und nach dem Krieg war die Familie in den Westen geflohen. Nun befürchteten die Einheimischen, die Bibliothekarin aus Wolfenbüttel erhebe Anspruch auf die Besitztümer ihrer Vorfahren, beispielsweise auf das ehemalige Herrenhaus, das zu DDR-Zeiten in eine Schule umgebaut worden war. Doch Maria von Katte wollte keine Immobilien zurückhaben, im Gegenteil. Sie wollte sich für ihre Heimat engagieren und organisierte 1991 die erste Sommerschule für Englisch in Wust. Es ging darum, auch jenen einen Englischunterricht mit muttersprachlichen Lehrern zu ermöglichen, die sich keinen Sprachaufenthalt leisten konnten. Der Nachholbedarf war gross: Gleich für die erste Sommerschule meldeten sich fast 400 Schüler an, unter ihnen auch Englischlehrer, die in der DDR keine Gelegenheit zu einem Austausch mit Muttersprachlern hatten.

Amerikaner in Wust

Die zwei Dutzend Dozenten der Sommerschule werden fur die vier Wochen jeweils bei Gastfamilien untergebracht - bis heute eine exotische Erfahrung fur beide Seiten. "Ich wollte Deutschland nicht als Tourist kennenlernen", meint etwa der 19-jährige Alexander aus Oxford. In dieser Hinsicht hat Wust mehr zu bieten als Berlin, denn nirgends ist Deutschland so deutsch wie in der ostdeutschen Provinz. Vormittags gibt es Sprachunterricht, nachmittags Workshops, abends Konzerte und anspruchsvolle Vortrage. Der pensionierte Diplomat Reiner Möckelmann, der im vergangenen Jahr die Leitung der Sommerschule übernommen hat, war während eines Urlaubs auf die Sommerschule aufmerksam geworden, weil er einen Vortrag von Friedrich Kittsteiner über "Das Komma in Sans, Souci" besuchte. Vor Jahren stand einmal als Auftakt fur ein Fest zum amerikanischen Nationalfeiertag John Cages stummes Kultstuck "Tacet - 4'33"â auf dem Programm. In Erwartung eines Konzertabends kam das Publikum in Scharen, und so musste improvisiert werden. Unter den Zuhörern fand sich zufallig eine Sängerin und Cage-Interpretin, die schliesslich spontan auf der Bühne mitwirkte. Eine typische Anekdote: "In Wust you can do anything!", meint die Pianistin Guembes-Buchanan aus Harvard. Sie unterrichtet während der Sommerschule in der Turnhalle auf einem gemieteten Flugel.

Die meisten Teilnehmer der Sommerschule stammen aus der Region; viele kommen im folgenden Jahr wieder. Jedes Jahr wird ein T-Shirt gestaltet . Slogans wie "The Spirit of Wust" und "Wustaholic" geben die Stimmung wieder. Die Jugendlichen zelten auf dem Sportplatz. Man sitzt ums Lagerfeuer, singt zur Gitarre und spielt Fussball, denn hier gibt es nur die Unterhaltung, die man selber macht. Für Ordnung und Geborgenheit sorgt der 76-jahrige Ernst Christian Kluge, ein ehemaliger Oberstleutnant der Bundeswehr. Er hat in Wust auch seine Frau kennengelernt: Cora Lee Kluge, Germanistikprofessorin aus Madison (Wisconsin), organisiert seit 1997 den Englischunterricht; sie sucht die Dozenten aus und führt sie während dreier Tage vor Beginn der Schule in den Lehrplan ein.

Ernst Christian Kluge gibt sich alle Mühe, nicht paternalistisch zu wirken. Er habe nie ein Hehl daraus gemacht, dass er Soldat gewesen sei, und anfangs sei er als "Feind" auch entsprechend beäugt worden - aber das habe sich gegeben. Ihm machen die Unterlegenheitsgefühle zu schaffen, denen er in Wust begegnet, und die Tatsache, dass es ihm nicht gelungen sei, die Dorfjugend in die Sommerschule zu integrieren. Es gibt zwar keine Schlägereien mehr, und alle nennen ihn Christian oder Papa Camping, doch in die Englischkurse oder zu den Workshops kommen nur wenige. Bei den Radtouren und dem Fussballturnier dagegen machen sie mit - im Sport seien sie den Sommerschülern überlegen.

Der Erfolg einer solchen Privatinitiative verdankt sich zum Teil den niedrigen Kosten. Reiner Möckelmann, der seinen Einsatz wie alle ehrenamtlich leistet, möchte von Politikern und Sponsoren unabhangig bleiben. Das Budget liegt bei 40 000 Euro, etwa ein Drittel stammt aus der öffentlichen Hand sowie von einem Sponsor. Fur den Rest kommen die Teilnehmer mit den Kursgebühren auf sowie private Spender, darunter ein Gönner aus den USA. Die Dozenten erhalten ein Taggeld sowie einen Zuschuss an die Flugkosten; die meisten sind Germanistikstudenten und können sich den Aufenthalt als Auslandspraktikum anrechnen lassen. Doch entscheidend für das Funktionieren dieses West-Engagements im ländlichen Osten ist die Haltung der Beteiligten. Es herrscht keine Privatschulen-Atmosphare, sondern man lässt sich auf den Ort ein. Man isst im "Schwarzen Adler", dessen Speisekarte alle Klassiker der DDR-Kuche führt, von Soljanka über Wurzfleisch bis zum Steak au four. Nur Neulinge kommen auf die Idee, einen Espresso zu bestellen.

Kulturspeicher

Zur Zeit der Wende hatte Wust 600 Einwohner, heute sind es noch gut 400. Nachdem im vergangenen Jahr der Bäcker zugemacht hat, gibt es nur noch einen Laden im Ort. "Wenn die Schule und die Kindertagesstatte schliessen müssten, dann würden Familien gleich ins Nachbardorf ziehen", meint Gerhard Faller-Walzer. Er ist der Bürgermeister von Wust und eine weitere Überraschung: Mit ihm kann man Schweizerdeutsch reden, denn er stammt aus Waldshut. Früher hat er als Ausstellungstechniker in Berlin gelebt, seit zwölf Jahren wohnt er in einem ausgebauten Backsteingebaude in Wust, einem ehemaligen Stall derer von Katte. Bürgermeister sei er geworden, weil sich niemand anders für das Amt zur Verfügung gestellt habe und er eine Eingemeindung verhindern wollte, um Institutionen wie die Sommerschule nicht zu gefährden.

Unlängst hat die Sommerschule den einstigen Kornspeicher des Dorfes gekauft und mit EU-Mitteln behutsam renoviert. Damit hat man einen vielseitigen Raum fur Kulturveranstaltungen und Ausstellungen gewonnen. Wust brauche ein "touristisches Alleinstellungsmerkmal", meint Faller-Walzer. Er sammelt seit Jahren Artefakte rund um die Kuh, angefangen beim Alplergürtel bis hin zu ungewöhnlichen Werbeplakaten. Im "Kulturspeicher" hätte er die Sammlung gern als eine Dauerausstellung prasentiert - ein "Muhseum" als Familienattraktion. Das war den Wustern dann aber doch nicht serios genug.

Sieglinde Geisel

www.sommerschule-wust.de